• Ich gebe viel preis

    AZ Dienstag, 15.12.2020                                                                                                                     Kultur am Ort
    „Ich gebe viel preis“

     

    Porträt Seit 40 Jahren unterrichtet Anneliese Dorn Malerei
    an der Volkshochschule. Aufhören will die 72-Jährige noch nicht, denn:
    Die Arbeit macht ihr riesig Spaß

     

    Waltenhofen/Rauns „Als Malerin kann ich keine leere Wand sehen“, sagt

    Anneliese Dorn. Soeben hat sie ihr jüngstes Gemälde dem

    Gesundheitszentrum Sportpark in Waltenhofen zur Verfügung gestellt. Dort

    füllt jetzt ihr großformatiges Bild zur Corona-Pandemie eine hohe Wand im

    Empfangsbereich aus. Über einer Gruppe junger Menschen in einem

    Restaurant schweben eine ganze Menge überdimensionaler Corona-Viren. Das

    Licht ist schwach, die Farben düster, die Stimmung gedrückt. Den Augen der

    Leute sieht man den Schrecken über die ungebetenen Eindringlinge noch an.

    Auch wenn das Bild nicht besonders erheiternd ist, wird es von den Besuchern

    der Praxis positiv aufgenommen, sagt Zentrumsleiter Maximilian Schoener.

     

    Besonders zufrieden ist aber Anneliese Dorn, denn wieder konnte sie eine

    weiße Wand mit Kunst beleben. Dieser Gedanke war auch ihr ursprünglicher

    Impuls, um überhaupt mit dem Malen zu beginnen. Seitdem hat sich die

    Waltenhofenerin nicht nur selbst das Handwerk des Malens beigebracht.

    Schon bald gab die Autodidaktin ihr Wissen auch als Dozentin an der

    Volkshochschule weiter. Das macht sie nun schon seit 40 Jahren. Die 72-

    Jährige unterrichtet damit so lange wie keine Lehrkraft vor ihr an

    der Bildungseinrichtung. Den Vertrag für ihren ersten Lehrauftrag vom Januar

    1980 hat sie bis heute aufbewahrt. „Es ist wirklich außergewöhnlich, wenn

    jemand 40 Jahre ununterbrochen sein Wissen weitergibt“, sagt der Leiter der

    Kemptener Volkshochschule, Peter Roth.

    Alles begann mit Hinterglasmalerei. Doch schon bald übernahm Anneliese

    Dorn die Kurse ihres Lehrers Stefan Prestel an der Volkshochschule. Nach dem

    Boom für genaue und kleinformatige Ölmalerei hinter Glas in den 1980er

    Jahren wandte sie sich zunächst der Seidenmalerei zu, später dann dem

    luftigeren und leichteren Aquarell. Das jedoch bedarf einer langjährigen Übung,

    um die angestrebte Leichtigkeit zu erreichen. „Ich muss immer etwas Neues

    ausprobieren, mit neuen Farben und Techniken“, erzählt Dorn. Daher hat sie

    Akademie- und Sommerkurse in Bad Reichenhall, Irsee, Betzigau und auf

    Malreisen absolviert – nicht nur mit Wasserfarben, sondern auch mit Acrylfarben.

     

    Malen und Unterrichten mache ihr großen Spaß, auch wenn man viel Geduld

    brauche. „Ich gebe viel preis und male vor, deswegen habe ich noch Leute, die

    meine Kurse besuchen“, sagt sie selbstbewusst. „Ich mag Dozenten nicht, die

    nur durch Reden unterrichten. Manche Künstlerdozenten wollen wenig zeigen,

    weil sie Konkurrenz fürchten.“ Auf sie treffe das nicht zu, denn sie müsse nicht

    von der Kunst leben. Sie konnte sich nach einer Zeit im Büro um Familie und

    Kunst kümmern, da ihr Mann gut verdient hat.

    Anneliese Dorn in ihrem Atelier. Foto: Harald Holstein

     

    Sie malt gern mit den Enkeln

    Dorns Bildmotive sind überwiegend gegenständlich. Manchmal finden sich

    zwischen den Blumen, Allgäuer Landschaften, Stadtansichten, Hirschen und

    Golfspielern auch abstrakte Bilder mit aufgeklebten Pinseln oder Metallstaub.

    Bis heute macht ihr das Malen viel Freude, gerne auch mit ihren Enkeln bei

    Geburtstagen. Malen und Zeichnen sei gerade in Corona-Zeiten ein sehr gutes

    Mittel, um einen seelischen Ausgleich zu finden, sagt sie. Man könne es sehr gut

    alleine machen und sich dabei aktiv verwirklichen.

     

    Anneliese Dorn wird jedenfalls die Kunst und die Lehre nicht so schnell

    aufgeben. Als Leiterin der Außenstelle der Volkshochschule in Waltenhofen hat

    sie ab Ende Januar schon wieder drei Abende mit Aquarell geplant, und vier

    mit Acryl in Kempten und Waltenhofen.

    Harald Holstein